Im Rausch der Macht - Die süße Droge Politik
Sie spritzen kein Heroin, sie kommen auch ohne Alkohol aus, sie müssen sich nicht mit Tabletten betäuben. Dennoch sind viele Politiker süchtig: süchtig nach Einfluss, süchtig nach Öffentlichkeit.Parlamentarier, Minister, Regierungschefs merken meist selbst, wie ihr Job sie verändert. Sie wissen, dass die viele Arbeit, der ständige Druck aber auch das Scheinwerferlicht sie von sich selbst, von ihrer Familie und auch von ihren politischen Prinzipien entfernen können. Trotzdem hängen die meisten Politiker so lange an ihrem Amt, wie es nur geht. Selbst nach schlimmen Niederlagen steigen die wenigsten aus. Mögen sie in den Augen vieler Wähler faul und raffgierig sein und stets die falschen Entscheidungen treffen: Auch jene Amtsträger, die in einem anderen Job weniger Stress hätten, mehr Geld und Anerkennung bekämen, bleiben in der Politik.Warum ist dieser Beruf so anziehend? Welche Folgen hat es für die Amts- und Mandatsträger, dass sie nicht loslassen können? Was bedeutet es für das Volk, wenn seine Vertreter abhängig sind? Ferdos Forudastan, Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp sind diesen Fragen im Gespräch mit zehn Spitzenpolitikern nachgegangen- und haben ihnen so manches Geständnis entlockt.Der CDU/CSU-Fraktionsvize Horst Seehofer bekennt: “Ich bin politiksüchtig”. Dabei weiß er, dass das anfällig macht für Filz und Kumpanei. Der PDS-Politiker Gregor Gysi hat erfahren, dass die Anziehungskraft dieses Jobs dem Opportunismus Vorschub leistet. Ex-Außenminister Klaus Kinkel bedauert es, dass er zu sehr in die Politik verstrickt war, um seiner tödlich verunglückten Tochter “das zu geben, was sie gebraucht hätte”. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin a. D. Heide Simonis gesteht “Ich werde depressiv, wenn mich auf fünf Schritten keiner erkennt”.Ex-Kanzler Helmut Kohl bekennt, es habe schon etwas “Rauschhafte”, immer in der Öffentlichkeit zu stehen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement stellt an sich selbst eine “gewisse Starrheit” fest, die dieser Beruf nach sich ziehe. CDU/CSU Fraktionsvize Wolfgang Schäuble meint, “dass man sehr schnell selbstgefällig werden kann, wenn die Menschen einem zuhören”. Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer hält es für schädlich, in der Politik ein netter Mensch zu sein. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse meint, Politik ermögliche es, dem grauen Alltag zu entfliehen. Und Joschka Fischer schwärmt: “Politik ist das Rendezvous mit der Geschichte”.

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